"Das Telefon muss sterben, sonst steht es anderen Entwicklungen im Weg. 10
0 Jahre reichen!" Als einer der federführenden Forscher im Bereich Usability sind Jakob Nielsens Thesen manchmal überraschend, oft nachvollziehbar, aber immer radikal. Der spätere Ergonomie- Fachmann wurde am 5. Oktober 1957 in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen geboren und erlangte einen Doktortitel (Ph.D.) im Design von Benutzerschnittstellen und Informatik an Dänemarks Technischer Universität in Lyngby. Danach arbeitete er unter anderem bei IBM und als leitender Entwickler bei dem Softwarekonzern Sun Microsystems. Während dieser Tätigkeit als Senior Researcher in den Jahren 1994 bis 1998 beschäftigte er sich hauptsächlich mit der Gebrauchstauglichkeit des Webdesigns, obwohl er dafür ursprünglich gar nicht eingestellt worden war. Das Design der von Sun entwickelten Webseiten sowie des Intranets wurde von ihm dabei maßgeblich beeinflusst.
Grundlagen schaffen: Zum Vater der Usability
1998 gründete Jakob Nielsen zusammen mit Donald A. Norman, einem US-amerikanischen Professor für Informatik und Kognitionswissenschaften, die Beratungsfirma Nielsen Norman Group. Für eine vierstündige Beratung erhielt Nielsen 20.000 Dollar Gage. Neben dieser Beratungstätigkeit erlangte der dänische Webexperte auch als Autor zahlreicher Fachbücher und bewunderter Redner über die Medien einen hohen Bekanntheitsgrad und meldete in den USA 79 Patente an. Im Jahr 2000 wurde Jakob Nielsen Teil der Scandinavian Interactive Media Hall of Fame und sechs Jahre später Mitglied der ACM Computer-Human Interaction Academy. Ebenfalls im Jahr 2006 stellte der Designtheoretiker die von ihm so benannte 90-9-1-Regel zur Nutzung von Internet-Communitys auf. Demnach lesen 90 Prozent der Nutzer die Inhalte, neun Prozent fügen von Zeit zu Zeit neue Inhalte hinzu und nur ein Prozent der Nutzer trägt regelmäßig Content bei.
Sieg der Einfachheit?
Es ist kein Zufall, dass wir neben seinem beruflichen Werdegang auch ein Foto von Jakob Nielsen abgebildet haben. Genau das ist es nämlich, was der Usability-Experte in einem seiner Werke „Designing Web Usability: The Practice of Simplicity“ u.a. fordert. Ausnahmsweise hält er sich bei Biografien an die Weisheit: "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte". Ansonsten schlägt der im Jahr 2000 erschienene internationale Bestseller jedoch andere Töne an:
Das Hauptinteresse des „guru of Web page usability“, wie ihn die New York Times einst nannte, liegt im Bereich der Gebrauchstauglichkeit des Webdesigns. Seiner Ansicht nach erschweren überflüssige Grafiken, Animationen und Flashs die Benutzerfreundlichkeit einer Webseite. Deren Besucher wollen bestimmte Informationen erhalten oder eine Transaktion abschließen, und das schnell und mühelos. Ist der Weg zum Ziel durch aufgeblähte Texte oder grafische Kunststücke erschwert, verlieren Nutzer schnell die Lust und suchen nach Alternativen. Die Unternehmen müssen folglich mehr Ressourcen darin investieren, ihre Websites gut nutzbar und schnell ladbar zu machen.
Der rein ästhetische Wert, also innovativ gestaltete Grafiken, schöne Fonts und ein modernes Layout, sollte, laut Nielsen, vernachlässigt und der Benutzbarkeit untergeordnet werden. Wenn man den Ansatz des dänischen Webexperten konsequent verfolgt, kann das Resultat im ersten Moment allerdings etwas erschreckend wirken. Als Beispiel eignet sich zu diesem Zweck Nielsens eigene Seite www.useit.com. Von vielen künstlerisch orientierten Designern kritisiert, wurde die Seite seit Mitte der 90er nur in Kleinigkeiten überarbeitet, weil Nielsen überzeugt ist, dass die damals von ihm entwickelten Ideen zur Usability allgemein gültig und dauerhaft sind. Kaum Grafiken, tabellarisch geordnete Inhalte sowie schlichte Schriften und Farben bestimmen das Layout. Laut Nielsen liegen die Kriterien für Usability in der menschlichen Natur begründet und sind unabhängig von Kultur oder Alter eines Anwenders. Einmal erreichte förderliche Benutzbarkeit bleibt daher länger gültig als zeitgemäße Ästhetik.

Abb. Startseite von www.useit.com, Nielsens eigener Homepage; sehr schlicht gehalten
Nielsen polarisiert
Durch seine oft radikale Kritik an bekannten Internetseiten erregt Jakob Nielsen fortwährend Aufsehen. Seine Werte und Vorstellungen wurden und werden kontrovers diskutiert und oft hört man, dass ein Webauftritt wie sein eigener kaum zur werbewirksamen Repräsentation eines Unternehmens geeignet ist. Diese Kritik ist durchaus nachvollziehbar. Dem gegenüber stehen jedoch die vielen Anhänger von Nielsen. Schließlich ist er einer der wenigen, die sich nicht nur theoretisch mit der Ergonomie des Internets beschäftigen, sondern auch zahlreiche Interviews und Versuche mit Nutzern durchführen. Der große Experte für interaktives Design verfügt also über empirisches Wissen und es gelingt ihm, den User, das unbekannte Wesen, transparenter zu machen und die Ergonomie-Forschung damit ein gutes Stück weiter zu bringen. Heute, wie vor 20 Jahren.
Aber sind seine Erkenntnisse wirklich noch aktuell? Können sie mit der globalisierten Welt mithalten oder handelt es sich um nichts weiter als veraltete Anschauungen? Sollten Unternehmen zugunsten der Benutzerfreundlichkeit auf ein modernes Layout verzichten? Und schließen sich innovativ gestaltete Grafiken und eine anwenderfreundliche Benutzeroberfläche dabei grundsätzlich aus? Zögern Sie nicht, uns Ihre Meinung in Kommentaren mitzuteilen.