Am 10. Oktober erhielt Eugen Ruge für seinen Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ den Deutschen Buchpreis. Wer diese große DDR-Familiensaga lesen möchte hat verschiedene Möglichkeiten. Natürlich kann er in die Buchhandlung gehen, an der Kasse zahlen und das Werk nach Hause tragen. Dort kann er es lesen, fühlen, darin blättern, es verleihen, verschenken oder weiterverkaufen. Die gleichen Möglichkeiten hat der Leser auch, wenn er sich das Buch übers Internet nach Hause liefern lässt. Oder aber er drückt nur noch einen Knopf und das Werk wird binnen Sekunden auf sein Lesegerät geladen, ohne Liefer-, Vertriebs- oder Peiapierkosten. Lesen kann er den Roman so natürlich auch, nur mit dem Verschenken, Verleihen und Verlegen ist es dann vorbei. Bücher werden immer öfter zu Datenströmen, transportierbar auf Mobiltelefonen, Organizern und Laptops. Schon 1999 bewies Jakob Nielsen in seinem Buch Designing Web Usability erstaunliche Weitsicht, indem er sagte: “…dass wir etwa bis zum Jahr 2007 warten müssen, bis Bücher verschwinden und vollständig durch Online-Informationen ersetzt werden. Verleger von gedruckten Büchern seien gewarnt: Das wird geschehen!”
Digitale Titel weiterhin Nischenprodukte
Zwar war Nielsens Ansicht etwas weit gegriffen, aber die
Grundaussage trifft zu, denn auf der Buchmesse, die vom 12. bis zum 16. Oktober in Frankfurt stattfand, stand das Thema E-Book hoch im Kurs. Noch ist der Markt vergleichsweise klein, doch schon im Jahr 2015 dürfte der Umsatz mit digitalen Titeln allein im Bereich Belletristik über 350 Millionen Euro in Deutschland erreichen und damit einen Marktanteil von 6,3 Prozent. Unser Besuch auf der Buchmesse zeigt allerdings, dass im Jahr 2011 elektronische Titel weiterhin eher Nischenprodukte sind. Wie das Marktforschungsunternehmen GfK im Vorfeld der Messe mitteilte, lag im ersten Halbjahr 2011 der Anteil der E-Books am gesamten deutschen Buchmarkt bei nur 0,7 Prozent. Zwischen Januar und Juni hätten die Deutschen damit rund 1,4 Millionen digitaler Bücher gekauft und dafür knapp 13 Millionen Euro ausgegeben. Der GfK-Studie zufolge sei der typische E-Book-Käufer männlich und zwischen 30 und 49 Jahren. Bei den Genres dominiere die Unterhaltungsliteratur, die derzeit 80 % aller bezahlten E-Books ausmache.
E-Books sind in manchen Ländern, insbesondere in den USA, ein Verkaufsschlager. In Deutschland hingegen sind elektronische Bücher bislang noch kein Massenmarkt, da das Angebot an deutschsprachigen E-Books im internationalen Vergleich noch zu gering ist. So ergab ein Test der Zeitschrift „Computerbild“ in neun E-Book-Shops im Internet, dass dort im Bereich Sachbücher durchschnittlich 70 Prozent der Titel zu finden seien, bei den aktuellen Bestsellern waren es nur 62 Prozent. Am schlechtesten steht es um die Kategorie Klassiker, in der die Tester nur etwa ein Viertel der gesuchten Titel finden konnten. Auch die derzeitige Preisgestaltung geht an den Vorstellungen der Konsumenten vorbei und verhindert einen Markterfolg. Schließlich erwarten die Käufer einen deutlichen Preisabschlag gegenüber gedruckten Werken, doch im Moment kostet die digitale Ausgabe eines Hardcover-Bestsellers im Durchschnitt nur rund drei Euro weniger als das gebundene Buch. Schuld daran ist unter anderem die unterschiedliche Besteuerung, da bei E-Books, im Gegensatz zu Printausgaben, der volle Steuersatz von 19 Prozent anfällt.
Die Gretchenfrage beim elektronischen Lesen:
Klassischer E-Book-Reader oder multifunktionaler Tablet-PC?
Treiber der Digitalisierung des Buchmarktes sind
elektronische Lesegeräte, von denen es zwei Kategorien gibt: E-Book-Reader mit der E-Ink-Technologie (elektronischer Tinte) und Tablet-Computer mit einem LCD-Bildschirm. Erstere sind äußerst sparsam im Stromverbrauch, benötigen eine externe Lichtquelle und können bislang nur Graustufen darstellen. Tablet-PCs hingegen müssen immer wieder an die Steckdose, bieten aber ein Farbdisplay und können auch weitere digitale Inhalte präsentieren.Während E-Reader vor allem Vielleser ansprechen, wird der Massenmarkt voraussichtlich den multifunktionalen Tablet-PCs gehören.
Einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung zufolge besaßen rund 800.000 Bundesbürger im Juli einen klassischen E-Book-Reader, gut doppelt so viel wie noch zu Beginn des Jahres 2011. Da zudem auch Tablet-Computer zum Lesen von E-Books genutzt werden können, erhöhte sich die Zahl der potentiellen Leser in Deutschland um weitere 1,5 Millionen.
Gute E-Reader müssen nicht teuer sein – Amazon stellt den neuen Kindle vor
Neben E-Book-Plattformen wie libri.de, Thalia und dem kanadischen Newcomer Kobo bietet auch Amazon Lesegeräte an. Auch wenn der Online-Händler jetzt mit dem neuen Kindle Fire Tablet in den USA den Touchpad-Markt erobert will, stellt er parallel ein weiteres grundsolides Lesegerät vor: den Kindle eReader. Dieser ist seit dem 12. Oktober in Deutschland vorrätig und erstmals mit einer deutschen Benutzeroberfläche versehen.
Nur 99 Euro muss der Nutzer für den Lesespaß zahlen und bekommt dafür einen schicken Sechs-Zoller mit WLAN-Modul und Pearl E-Ink Display. Navigiert wird über ein Vier-Wege-Steuerkreuz und vier separate Tasten. Ohne Touchscreen ist das Stöbern im Kindle Store so natürlich weniger komfortabel, da der Leser mit Hilfe einer virtuellen Tastatur und den Richtungstasten den korrekten Buchstaben auswählen und dann bestätigen muss. Gegenüber dem alten Kindle Keyboard hat der neue Low-Budget-Kindle nur die Hälfte an internem Speicherplatz zur Verfügung, eine halb so lange Akkulaufzeit und keine MP3-Unterstützung. Auch die Gesamtmaße wurden um 18 Prozent reduziert, wodurch das Gerät nur noch 66 mm x 114 mm x 8,7 mm misst. Weiterhin wird auf die augenschonende E-Ink Technologie des elektronischen Papiers gesetzt, die eine gestochen scharfe Textwiedergabe ermöglichen soll, wie es von normalen Printmedien bekannt ist. Neben acht verschiedenen Schriftgrößen und drei Schriftarten verfügt der neue Kindle auch über ein integriertes Wörterbuch mit Instant-Lookup und die Möglichkeit zwischen Hoch- und Querformat zu wechseln, um Karten, Tabellen und Grafiken besser lesen zu können. Darüber hinaus können wichtige Textpassagen mit Anmerkungen und Lesezeichen versehen werden.
Fazit
Die letzte Stunde des traditionellen Buches hat wohl noch lange nicht geschlagen, denn auch im Jahr 2011 sind E-Books auf der Frankfurter Buchmesse eher Außenseiter und stehen nicht im Mittelpunkt des allgemeinen Geschehens. Trotzdem hat die Buchbranche längst erkannt, dass sie der Digitalisierung der Gesellschaft gerecht werden muss und versucht eine Brücke zwischen innovativer Technik und
gutem Inhalt zu schlagen. Dass es die Frankfurter Buchmesse mit der Thematik ernst meint, ist auch am neuen Logo ersichtlich: Das dort abgebildete Buch wurde in diesem Jahr stilisiert und ist damit nicht mehr klar mit dem Printmedium in Verbindung zu bringen.
Die Leser hingegen sind sich über diese neu eingeschlagene Richtung noch uneinig. Entweder werden die E-Books heiß geliebt oder grundsätzlich abgelehnt. Bei einer Umfrage des hessischen Rundfunks auf dem Messegelände in Frankfurt stellte sich schnell heraus, dass jeder etwas zu digitalen Büchern sagen kann und will.
Aber was sagen Sie dazu? Sind E-Books nur etwas für technikaffine Freaks, die selten zum Buch greifen? Oder sprechen die spezifischen Lesegeräte gerade Vielleser an? Wird das gedruckte Buch langfristig durch elektronische Ausgaben ersetzt oder lassen sich durch digitale Bücher neue Zielgruppen erschließen? Sind E-Books die Zukunft oder nichts weiter als ein medialer Hype?