Als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten ging Facebook Anfang 2004 online. Schon zwei Jahre später war die Seite für alle Über-13-Jährigen offen, erfreut sich seitdem immer größerer Beliebtheit und verzeichnet derzeit rund 800 Millionen Mitglieder weltweit. Auch in Deutschland bindet das soziale Netzwerk Internetnutzer wie kein anderes Ziel im Netz. Laut einer Studie der Markforschungsfirma Comscore verbrachten sie im September 2011 16,2 Prozent ihrer Online-Zeit bei Facebook. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 waren es erst 4,1 Prozent.
Das soziale Online-Netzwerk hat sich zum zentralen Anlaufpunkt im Web entwickelt. So erstellt im Durchschnitt jedes Mitglied im Monat 90 Beiträge, kommuniziert mit seinen durchschnittlich 130 Kontakten und folgt im Schnitt auf 80 Facebook-Seiten den Äußerungen bestimmter Urheber, Veranstalter oder Gruppen.
Aktuelle Schwachstellen in der Usabilty
Ein Facebook-Intensivnutzer erzeugt im Laufe der Zeit einen gewaltigen Wust an digitaler Information. Das Netzwerk läuft geradezu über vor Features und wird regelmäßig um neue Möglichkeiten erweitert. Dabei kann es leicht passieren, dass der Nutzer sich auf der Benutzeroberfläche verliert und viele Funktionen damit nicht aktiv nutzen kann. Denn vieles ist bei Facebook nur verstreut auffindbar, unnötig versteckt oder unübersichtlich dargeboten. So sind beispielsweise die Privatsphäreneinstellungen unklar und schwer zu erreichen.

Ein weiterer Schwachpunkt aus Usability-Sicht sind die Freundeslisten, die neuerdings zwar angelegt werden können, jedoch nur durch viele Klicks zum Einsatz kommen. Im Gegensatz dazu ist diese Funktion beim Konkurrenten Google+ omnipräsent. Denn was bei Facebook die Listen, sind dort die Circles und die sind eben genau dort verfügbar, wo sie auch zum Einsatz kommen sollten. Bei Facebook sind diese Register nicht benutzerfreundlich, werden häufig nicht adäquat gepflegt und sind dadurch bisher lediglich ein Add-on. Auch die Suche nach Freunden gestaltet sich hier oft schwierig, da sie sich nicht weiter verfeinern lässt und in der eigenen Kontaktliste nicht nach bestimmten Personen gesucht werden kann. An vielen Stellen fehlen bei Facebook darüber hinaus nutzerfreundliche Rückmeldungen, die dem User seine Handlungen und Entscheidungen verdeutlichen.
Neues Facebook als zentrales Lebensarchiv
Bislang ist die Facebook-Profilseite alles andere als ein optischer Genuss. Der Nutzer wird mit einer Vielzahl von Features, Texten und Bildern konfrontiert, die scheinbar willkürlich auf ihn einprasseln. Doch das soll sich jetzt ändern. Das soziale Netzwerk will den Nachrichtenstrom besser filtern – und trotzdem noch wesentlich mehr Informationen von Freunden anzeigen. Facebook-Chef Mark Zuckerberg präsentierte am 22. September die komplett überarbeitete Webseite auf der Entwickler-Konferenz f8 in San Francisco:
Die alte Pinnwand verschwindet und wird durch einen multimedialen Lebenslauf ersetzt, der bis zur Geburt zurückreichen kann. Jedes gemachte Foto, jeder gesehene Film, jedes gehörte Lied, jedes getestete Kochrezept, jede kurzfristige Routenplanung, überhaupt alle Lebensereignisse der Nutzer werden in einer Timeline festgehalten und damit automatisch dem digitalen Freundeskreis mitgeteilt. Wichtige Ereignisse der chronologisch geordneten Sammlung sollen sichtbar bleiben, weniger wichtige werden zusammengeklappt und nur auf Wunsch wieder hervorgeholt. Je weiter der Betrachter in der Zeit zurückgeht, desto verdichteter wird die Darstellung der Ereignisse.
Zentraler Bestandteil der vielen Neuerungen ist der Mechanismus „Open Graph“. Er bietet Nutzern die Möglichkeit ihren Freunden automatisch mitzuteilen, welche Filme sie gerade schauen, welche Musik sie hören, oder welche Artikel sie lesen. Dafür richtet Facebook ein neues Tickerfenster ein, in dem Meldungen in Echtzeit durchlaufen. Auch dann, wenn der Nutzer gar keinen Facebook-eigenen Dienst, sondern eine von externen Entwicklern angebotene App innerhalb des sozialen Netzwerks nutzt. Dutzende Musikdienste, Online-Videotheken und Websites von Medienunternehmen kooperieren mit Facebook, darunter bekannte Namen wie das Wall Street Journal, Spotify und Netflix. Filme, Musik, TV-Serien, eben alles, was unseren digitalen Alltag ausmacht, wird dort zu finden sein, so dass der Nutzer die Seite nicht mehr verlassen muss. Facebook wird so zum globalen Wohnzimmer.
Auftakt zu einer neuen Datenschutz-Debatte
Die wohl größten Änderungen der Unternehmensgeschichte beschwören zwangsläufig neue Datenschutzbedenken herauf. Ob Freundschaften, Interessen oder Aktivitäten, die Facebook-Nutzer sollen möglichst viele Aspekte ihrer alltäglichen Existenz mit ihrem digital verknüpften Freundeskreis teilen und damit gleichzeitig immer mehr Informationen auf den Servern des Datenkonzerns hinterlassen. Diese sind mittlerweile vollkommen überlastet, da die Aktivitäten von hunderten Millionen Facebook-Nutzern nach immer mehr Computerkapazität verlangen. Der Internetdienst baut deshalb jetzt im nordschwedischen Luleå sein erstes europäisches Datenzentrum mit zehntausenden Servern in drei riesigen Hallen. Facebook als weltweite Archiv- und Konsumplattform unterliegt damit erstmals europäischen Richtlinien.
Jeder Facebook-Nutzer produziert während seiner Mitgliedschaft Unmengen an Daten. Was mit diesen Informationen passiert, sollte eigentlich ein Unternehmensgeheimnis bleiben. Doch jetzt ist klar: der Social-Media-Gigant speichert alles und löscht nichts. Als einer von 800 Millionen Facebook-Nutzern wollte Max Schrems, ein Jurastudent aus Wien, wissen, welche Daten das soziale Netzwerk über seine Nutzer speichert und ob gelöschte Daten am Ende wirklich gelöscht sind. Das Ergebnis seines Versuchs kam per Post und ist erschreckend: die angeforderte CD-Rom aus Amerika enthielt ein PDF-File mit 1200 Din A4-Seiten an Datenmaterial aus 3 Jahren Mitgliedschaft bei Facebook, darin Login-Daten, Ortsangaben, Browser-Infos, Status-Posts, Chat-Protokolle und Mails, von denen er dachte, sie seien schon längst gelöscht worden. Der österreichische Student zeigte Facebook in 22 Punkten an und verfolgt jetzt mit seiner Initiative „Europe versus Facebook“ das Ziel, das Unternehmen zu mehr Transparenz und Mitbestimmung durch die Nutzer zu bewegen.
Auch deutsche Datenschützer verstärken den Druck auf Facebook mit neuen Vorwürfen. So hält der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar dem weltgrößten Online-Netzwerk nach einer umfangreichen Prüfung vor, falsche Angaben über den Einsatz von Cookies zu machen. Die kleinen Hilfsprogramme werden automatisch bei jedem Facebook-Besuch installiert und sollen dem Betreiber helfen, das Angebot besser auf seine Nutzer abzustimmen. Einige dieser Cookies bleiben jedoch auch dann erhalten, wenn sich der Nutzer bei Facebook abmeldet. Sie werden für zwei Jahre gespeichert und können den Nutzer weiterhin eindeutig identifizieren. So hat Facebook die Möglichkeit zu sehen, welche Websites der User gerade besucht und welche Themen für ihn dort besonders interessant sind. Außerdem wird der Nutzer selbst dann wiedererkannt, wenn er ohne bei Facebook angemeldet zu sein, auf Seiten surft, die den Like-Button einbinden. Das Online-Netzwerk übermittelt so ungefragt umfassende Verkehrs- und Inhaltsdaten in die USA und führt ohne das Wissen der Anwender eine personenbezogene Profilbild
ung durch. Da diese Abläufe gegen deutsches und europäisches Datenschutzrecht verstoßen, fordert das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz (ULD) derzeit in Schleswig-Holstein sowohl Behörden als auch Unternehmen auf, ihre Fanpages bei Facebook sowie den „Gefällt mir“-Button auf ihren Web-Seiten zu entfernen und droht mit Bußgeldern bis zu 50. 000 Euro
Fazit
Facebook gibt an, bei der Gestaltung der neuen Timeline mit Datenschützern zusammengearbeitet zu haben. Es werde einfach sein, die Kontrolle darüber zu behalten, welche Informationen mit wem geteilt werden sollen. Alle Inhalte des neuen digitalen Tagebuchs lassen sich in der Sichtbarkeit auf bestimmte Nutzer und Nutzergruppen beschränken oder separat löschen. Ob diese Privatsphäreneinstellungen aus Usability-Sicht weiterhin so unklar und schwer zu erreichen sind, wird sich spätestens bei der flächendeckenden Einführung der neuen Timeline zeigen. Auch andere Usability- Mängel sind dann hoffentlich behoben und das Netzwerk bietet der Facebook-Nutzerschaft eine anwenderfreundliche Möglichkeit das eigene Leben mit Anderen zu teilen.
Abgesehen von der Datenschutzproblematik stellt sich natürlich die Frage: Nehmen die Nutzer die Neuerungen überhaupt an? Das ist keineswegs gesagt, denn auch Social-Network-Nutzer haben ihre konservativen Seiten und längst nicht jede Änderung wird herzlich begrüßt und angenommen. Bereits im vergangenen Jahr hatte Zuckerberg mit einer zentralen Kommunikationsplattform, die Facebook-Nachrichten, SMS, E-Mail und Instant Messaging vereinigen sollte, die Kommunikation im Netz revolutionieren wollen – nur war dem Großteil der Facebook-Nutzern nicht nach Revolution zumute. Auch sonst scheinen die vielen Neuerungen, die Datenschutzdebatte und die an vielen Stellen mangelhafte Usability dem Netzwerk zu schaden. Nach Berichten des Analysehauses Inside Facebook verlor Facebook in der ersten Hälfte des Jahres 2011 sechs Millionen aktive Mitglieder alleine in den USA. Auch in Großbritannien und Kanada soll es den Statistiken zufolge bergab gehen. Nur den digitalen Nachzüglern wie Brasilien, Thailand oder Kolumbien verdankt das Unternehmen weiteren Zuwachs.
Es ist dementsprechend nicht ausgeschlossen, dass derzeit viele Nutzer zum neuen, schlichteren Konkurrenten Google+ wechseln. Sollte sich das neue Facebook allerdings durchsetzen, wäre eine neue Ebene der Alltagsdigitalisierung erreicht und das Beseitigen des eigenen Kontos käme dann dem digitalen Selbstmord gleich.