Gestern, Heute, Morgen - Eindrücke der Mensch & Computer 2011

16.09.2011 13:15 0

 

Vom 11.-14. September 2011 fand an der Technischen Universität Chemnitz die gemeinsame Fachkonferenz überMEDIEN ÜBERmorgen mit der Mensch & Computer, der Jahrestagung der German UPA und dem Thementrack Entertainment Interfaces statt.

Technische Universität Chemnitz - Veranstaltungsort der MuC 2011Seit 11 Jahren bietet diese Fachkonferenz eine Plattform für Beiträge und Diskussionen zu nutzerorientierten Entwicklungsmethoden, innovativen Formen der Mensch-Technik-Interaktion, interaktiven Anwendungen und weiteren Themen aus dem Spannungsfeld zwischen Nutzern, Organisationen und Informations- und Kommunikationstechnologien.

Über 200 Vorträge und Präsentationen konnten dieses Jahr von mehr als 580 Teilnehmern besucht werden. Eröffnet wurde die Tagung mit Keynotes von Aaron Marcus und Rolf Molich.



Die Zukunft beginnt in der Vergangenheit

Mit diesem Motto ebnete der bekannte Wissenschaftler und Buchautor Michael Herczeg in seinem Einführungsvortrag Aaron Marcus den Weg. Als international gefragter Gastredner und mehrfach ausgezeichneter Forscher gilt dieser als Visionär im Bereich Grafikdesign und User Interface Design, da er sich bereits im Jahr 1967 ganz der Computergrafik widmete. In seiner Eröffnungskeynote sprach der Usabiliy- und Design-Guru passend zum Konferenzthema über Science-Fiction und User Experience. Anknüpfend an das erste SIGCHI Panel Sci-Fi, welches er bereits 1999 mit Bruce Sterling und anderen bestritten hatte, legte Aaron Marcus dar, wie viele aktuelle technische Maßnahmen bereits früher in Science-Fiction-Streifen präsentiert wurden. Ob Star Trek, Star Wars oder Matrix, die Technolgien der Filme sind denen der Realität oft Jahrzehnte voraus, das User Interface wird jedoch auch in den Kinos häufig vernachlässigt.

 

Vortragspause auf der MuC 2011Der zweite Keynotespeaker der Mensch & Computer 2011 war Rolf Molich, ein seriöser, unterhaltender und hoch bewerteter Redner, der in Chemnitz zum Thema „The Quest für Usabilty in Usability“ sprach. Die zentralen Forschungs- und Beratungsfelder des Gründers und Geschäftsführers von „DialogDesign“, einer dänischen Usability-Consulting-Agentur nahe Kopenhagen, sind Usability-Evaluierung und Qualitätsbeurteilung von Usability Professionals.

Seit 1983 setzt er sich theoretisch und praktisch mit der Evaluation von Usability auseinander und entwickelte zusammen mit Jakob Nielsen 1990 die Methode der heuristischen Evaluation. Als Pionier im Bereich Usability fordert Molich seit Jahren einheitliche Standards im Usability-Testing und betrachtete in seinem Vortrag kritisch verbreitete Mythen, wie zum Beispiel „fünf Benutzer reichen aus, um 85 Prozent der Usability-Probleme einer Website wie Sixt.com zu identifizieren“.

Molich bezog sich hier auf die realen Nutzerdaten seiner Studien „Comparative Usability Evaluation und verdeutlichte, dass Usability keine Kunst, sondern eine auf Daten und Zahlen basierende Wissenschaft sei.


Gutes Aussehen nicht immer von Vorteil


Interessante Erkenntnisse zu möglichen Einflussfaktoren auf den Entwicklungsprozess eines Projektes erhielten die Teilnehmer bei einem Vortrag von Andrea Struckmeier zum Thema: Warum „gutes Aussehen“ nicht immer von Vorteil ist – Über den Einfluss der optischen Gestaltung von Prototypen auf das Nutzerverhalten im Usability-Test.

Die Referentin, die seit Oktober 2010 bei eResult als User Experience Consultant tätig ist, erläuterte, dass Prototypen für einen Usability-Test zwar wichtig sind, deren richtige Charakterisierung, Gestaltung und Auswahl jedoch sowohl die Praxis als auch die Wissenschaft häufig vor konzeptionelle und methodische Schwierigkeiten stellen. Je nach Fragestellung der Evaluation oder System ergeben sich sehr heterogene Anforderungen an den Aufbau des Prototyps. Dessen Charakterisierung geschieht dabei oft anhand seiner Fidelity, also der für den Nutzer ersichtlichen Ähnlichkeit des Prototyps zum finalen Produkt.

Da eine differenzierte Überprüfung durch die dichotome Unterscheidung in High Fidelity und Low Fidelity oft nicht durchführbar ist, entwickelte Mc Curdy vor einigen Jahren das Konzept der Mixed Fidelity. Dieses ermöglicht eine zielgerichtete Festlegung der Prototyp-Fidelity in verschiedenen Dimensionen, die je nach Fragestellung unterschiedlich stark ausgearbeitet sein müssen. So wird einerseits vermieden, dass unnötige zeitliche und finanzielle Ressourcen investiert werden und andererseits erreicht, dass ein System höchst effizient mit Hilfe eines Prototyps evaluiert wird. Andrea Struckmeier betonte deshalb, wie wichtig es ist, zentrale Probleme neuer Interaktionskonzepte bereits frühzeitig mit Hilfe von gut durchdachten Prototypen zu identifizieren.

 

PosterpräsentationAm letzten Tag der Fachkonferenz wurde eine Gedenkveranstaltung zu Ehren von Wolfgang Dzida gehalten. Der promovierte Psychologe entwickelte den weltweit ersten Standard-Usability-Test, der heute verbindliches Prüfverfahren für akkreditierte Software-Prüfstellen ist. Als einer der Gründerväter der Software-Ergonomie in Deutschland wurde er bis zu seinem Tod Anfang 2011 von Universitäten im In- und Ausland zu Gastprofessuren eingeladen. Wolfgang Dzida war überzeugt davon, dass die Gebrauchstauglichkeit in naher Zukunft zum einzigen Alleinstellungsmerkmal wird. Viele Jahre führte er deshalb Seminare an der Deutschen Informatik-Akademie zu den Themen Usability-Engineering, Usability-Test, Software-Ergonomie und Spezifikation von Nutzungsanforderungen durch.

Die Usability war sein Leben und so beschrieb er Usability Professionals in seinem Grußwort im Branchenreport der deutschen UPA als "Fachleute, die etwas von der Nutzungsqualität [von interaktiven] Produkte[n] verstehen" und kennzeichnet sie als Pioniere - einen bunt gewürfelten Haufen von Menschen mit neuen Ideen, Aufbruchsstimmung, Initiative und Mut (German UPA, 2004).

 

Neben den Hauptveranstaltungen wurde auch in einer Versammlung der German UPA deren Vorstand entlastet und neu gewählt. Die sechsköpfige Führungsgruppe des Berufsverbandes ist vertretungs- und unterschriftsberechtigt.

 

Fazit

 

Als die führende Veranstaltung zum Thema Mensch-Computer-Interaktion im deutschsprachigen Raum, bot die Fachtagung auch im Jahr 2011 wieder eine beachtliche Vielzahl an interessanten Vorträgen, Workshops und Tutorien. Die einzigartige Bandbreite der Darbietungen reichte von Usability-Testing und Usability-Prozess bei der Webseitenentwicklung bis hin zu neuen Ansätzen in der App-Entwicklung. So konnte man auch verschmerzen, dass der eine oder andere Vortrag vom Niveau vielleicht etwas besser hätte ausfallen können.

Den Veranstaltern und den Mitwirkenden gelang es, verschiedene Fachgebiete und Praxisfelder in einen fruchtbaren Diskurs zu bringen, so dass zum Nutzen möglichst vieler Menschen voneinander gelernt werden konnte. Ziel der Tagung war es folglich, innovative Forschungsergebnisse zu diskutieren und den Informationsaustausch zwischen Wissenschaft und Praxis zu fördern.

 

Im nächsten Jahr findet die Fachkonferenz vom 9.-12. September in Konstanz statt und es wird natürlich auch zukünftig mit steigenden Besucherzahlen gerechnet.