Das lange Warten hat ein Ende! Aber hat es sich auch gelohnt? Mit den Worten "Windows 8 ist ein mutiges Projekt", eröffnete Microsoft-Chef Steven Sinofsky die Entwicklerkonferenz „Build Windows“ im kalifornischen Anaheim. Vom 13. September bis zum 16. September 2011 wurde dabei erstmals eine lauffähige Version des kommenden Betriebssystems vorgestellt. Die Developer Preview ermöglicht es Programmierern bereits jetzt, Apps für die neue Benutzeroberfläche zu schreiben, wobei die endgültige Veröffentlichung von Windows 8 erst für 2012 vorgesehen ist. Zu einem genaueren Termin hat sich Microsoft jedoch noch nicht bekannt. Steven Sinofsky kündigte lediglich an, dass das neue Betriebssystem genau dann veröffentlicht wird, wenn die Qualität stimmt. Und damit steht der Konzern vor einer großen Aufgabe, denn er muss mit Windows 8 allen gerecht werden: vom absoluten Neuling bis hin zur globalen IT-Abteilung.
Spannende Neuerungen mit Ecken und Kanten
Mit Windows 8 will Microsoft die Vormachtstellung, die der Konzern seit Jahren auf Desktop-Computern hat, unter anderem auf Tablets und die ARM Prozessor Architektur ausweiten. Das Betriebssystem weist, gegenüber früheren Versionen, einige markante Veränderungen in der Bedienung und der Oberfläche auf, und tritt damit in direkte Konkurrenz zu Googles Android Systemen und Apples iOS.Im Rahmen seiner Keynote stellte Steven Sinofsky die innovativen Möglichkeiten und Funktionalitäten d
es neuen Betriebssystems vor. Dieses soll in die neue Oberfläche „Metro“ und die klassische „Desktop“-Oberfläche unterteilt werden. Der aus früheren Windows-Versionen bekannte Desktop ist unter Windows 8 allerdings nur noch eine App unter vielen, die sich wie jedes andere Programm aufrufen lässt. Problematisch ist die Größe vieler Menüs und Symbole in der klassischen Windows 7 Ansicht, die teilweise fast zu klein sind, um sie mit einem Fingertipp zielgenau zu treffen.
Im Zuge der Arbeit an Windows 8 erweitert Microsoft auch seinen Webbrowser zu einer universellen, per Touch bedienbaren, Plattform für Anwendungen, die direkt im Internet ausgeführt werden. Der bereits totgeglaubte Fall Internet Explorer soll verlorene Nutzer von Mozilla Firefox und Google Chrome zurückgewinnen. Allerdings befindet sich die Eingabeleiste des Internet Explorer 10 am unteren Bildschirmrand und widerspricht damit den Erwartungen der Nutzer, weil aktuelle Browser diese Leiste oben haben. Aus ergonomischer Sicht könnte diese Neuerung jedoch von Vorteil sein- ermöglicht sie doch bei Touch-Geräten einen direkteren und schnelleren Zugang zum Eingabefeld.
Die bereits von Windows Phone 7 bekannte Kacheloptik hat jetzt den offiziellen Namen: „Edge UI“. Die Kacheln („Tiles“), von denen jede für eine App steht, sind auf dem Startbildschirm zu sehen und zeigen personalisierbare Inhalte an. Schon vor dem Klick werden zugehörige Informationen angezeigt und ermöglichen dem Nutzer so einen schnellen Überblick.Gestartete Anwendungen zeigt Windows 8 im Vollbild an, wobei erst eine Wischbewegung am Rand Bedienleisten einblendet. Auch das Umschalten zwis
chen den einzelnen Apps ist einfach mit einer Fingergeste möglich. Ebenso kann man zwei Anwendungen parallel nebeneinander anzeigen lassen.
Leider hat der Nutzer keine Kontrolle darüber, welche Apps gerade geöffnet sind. Diese Information wird nur im Taskmanager oder bei einem Durchlauf aller Programme unter Tab + Alt ersichtlich. Auch das Schließen der Apps ist nicht erwartungskonform und von den Windows-Entwicklern anscheinend nicht vorgesehen. Durch den Wechsel zu einer neuen App wird die laufende Anwendung erst in einen Modus minimaler Ressourcen-Nutzung gesetzt, um später automatisch beendet zu werden. Während also Programme unter dem normalen Desktop von Windows 8 weiterhin durch das kleine Kreuz rechts geschlossen werden können, wird dem Nutzer bei Apps jede Entscheidungsfreiheit abgenommen.
Trotz dieser Einschränkungen ist der Nachfolger von Windows 7 mit seinem neuen User Interface alles in allem intuitiv bedienbar und die Einarbeitungszeit relativ gering. Microsoft greift einige bekannte Multitouchgesten auf, nutzt diese aber zum Teil clever, um die Touchbedienung besonders effizient zu gestalten. Mit der Windows-Taste kann zwischen der letzten geöffneten App und dem App-Menü hin und her gesprungen werden und auch das einfache Verschieben und Sortieren der Anwendungen auf der Metro-Oberfläche sorgt für eine konsistente User Experience.
Neue Möglichkeiten und kostenlose Zugaben
Als direkter Konkurrent zu Apple, ist auch bei Windows 8 ein App Store enthalten. In einem Blog-Eintrag stellt Steven Sinofsky die verschiedenen Teams vor, die an der Entwicklung des neuen Betriebssystems mitarbeiten. Eines davon trägt die Bezeichnung "App store". Der sogenannte Windows Store wird für Windows-8-Nutzer die einzige Anlaufstelle sein, um Apps in der neuen Kachel-Optik des „Metro“-Designs zu kaufen oder kostenlos zu überspielen. Microsoft möchte, ähnlich wie Apple, den Qualitätsstandard des eigenen Betriebssystems sicher stellen und den Markt kontrollieren. Der Konzern prüft die Anwendungen vor der Veröffentlichung auf Sicherheitslücken, Fehler, Leistungsprobleme und anstößige Inhalte und möchte so Sicherheit für die Nutzer schaffen.
Vieles lässt darauf schließen, dass bei der Gestaltung von Windows 8 Tablets und andere mobile Geräte im Zentrum standen. Der Riese Microsoft betont jedoch in der offiziellen Pressemitteilung, dass das neue Betriebssystem auf allen Geräten laufen wird und folglich sowohl mit Maus und Tastatur, als auch mit Finger oder Stylus-Stift funktioniert. Trotz der kleinen Mängel im Bereich Usability ist Microsoft mit seiner neuen Version also auf einem guten Weg Google Android Systemen und Apples iOS den Markt streitig zu machen. Neben einer weitgehend erwartungskonformen Bedienung des Metro-Designs hat das neue Betriebssystem noch weitere positive Innovationen zu bieten. So wird unter Windows 8 jetzt auch der Datei-Explorer mit einer Ribbon-Oberfläche ausgestattet. Mit Hilfe dieses Menübandes stehen dem Nutzer durch eine Vielzahl an Registerkarten wesentlich mehr Funktionen beim Verwalten von Dateien zur Verfügung. Auch in Sachen Sicherheit hat der Windows 7-Erbe viel zu bieten: mit Windows Defender hat der Konzern einen vollständigen Virenscanner ins System integriert. Musste dieser bisher noch separat heruntergeladen und installiert werden, ist er jetzt fester Bestandteil des OS. Die Verwandtschaft zur Oberfläche der Security Essentials ist dabei unübersehbar.

Abb.: Ähnlichkeiten zwischen Windows Defender (links) und Microsoft Security Essentials (rechts)
Fazit
Mit Touch-Bedienung und personalisiertem Startbildschirm läutet Bill Gates' Konzern eine neue Windows-Generation ein. Das innovative Design der Oberfläche von Windows 8 bricht dabei radikal mit den bisherigen Windows-Oberflächen und erhält die wohl tiefgreifendste Veränderung seit Windows 95. Der bekannte Startbutton und die Taskleiste entfallen, farbenfrohe, große Kacheln lösen leblose Icons und öde Fenster ab. Dieses komplett neue Gesicht kann bei einigen Windows-8-Anwendern sicher zu anfänglichen Schwierigkeiten führen, ist aber aus Usability Sicht im Großen und Ganzen gut verständlich konzipiert und leicht zu bedienen. Deshalb sind wir uns einig: Das Projekt war mutig, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Das lange Warten hat sich also gelohnt!
Empfinden auch Sie das neue Betriebssystem als mutiges Projekt? Handelt es sich um ein sinnloses letztes Aufbäumen oder die gelungene Antwort auf den Tablet-Siegeszug der Konkurrenz? Was erhoffen Sie sich von Windows 8? Zögern Sie nicht, uns Ihre Ideen in Kommentaren mitzuteilen.